«René Christen, glaubst du wirklich, dass Kirchen wachsen können?»

Gespeichert von Roland Mürner am

Der freikirchliche Pastor René Christen hat eine kleinen, zerstrittenen Kirche zur Grosskirche Prisma wachsen lassen. Über seine Erfahrungen hat er mehrere Bücher geschrieben. In ihnen beschreibt er unter anderem, wie man mit der Komplexität wachsender Kirchen klar kommt.

Von Lukas Huber

Nach seinem Theologiestudium auf St. Chrischona trat René Christen seine erste Stelle in der Jugendarbeit der Freien Evangelischen Gemeinde in Wetzikon an und hatte nach ein paar Jahren ein Problem, das viele gerne hätten: «Ich fing mit einem Jugendlichen an und nach zehn Jahren war ich fast verzweifelt, weil ich nicht wusste, was ich mit den 150 Jugendlichen tun sollte, die unterdessen kamen.» Das erzählt er im Podcast «Aufwärts stolpern» in der aktuellen Staffel über Freikirchen. René Christen wollte wissen, warum die Jugendarbeit so gewachsen war und ging für ein Jahr Studium zum Thema Gemeindewachstum in die USA. Anschliessend übernahm er eine kleine, zerstrittene FEG in Rapperswil, die, als sie sich versöhnt und geeint hatte, stark wuchs und schliesslich zur Prisma-Kirche wurde.

War René Christen auffiel: Es gibt hart plafonierte Gemeindegrössen. Die durchschnittliche Gemeinde wächst nie über ungefähr 70 aktive Personen. Falls doch, liegen die weiteren harten Grenzen bei 140 Personen und bei 220; anschliessend kämen weitere Grenzen bei jeweils 200 zusätzlichen Personen. Warum denn Gemeinden überhaupt über 70 Personen wachsen sollten, will Podcast-Co-Host Lukas Huber wissen. «Der Auftrag von Jesus ist noch nicht abgeschlossen, Menschen zu Jüngern zu machen», sagt René Christen. Zudem böten grössere Gemeinden die Chance, ihre Angebote mit grösserem Aufwand und in besserer Qualität zu machen.

Anonymität als positiver Faktor

Zudem böten grössere Gemeinden mehr Anonymität: Erstbesucher könnten einfach einmal schauen, um was es geht, ohne gleich angesprochen zu werden. Wenn Gemeinden wachsen, ist die Kleingruppen-Arbeit umso wichtiger, damit das Persönliche nicht verschwindet. Und die Begegnungsmöglichkeiten für neue Besucherinnen und Besucher müssen bewusst gestaltet werden: zum Beispiel mit einem Kontaktraum direkt neben dem Haupteingang. «Das ist eben Gemeindebau: Es werden gezielt Angebote gemacht, damit Menschen Zugang finden.»

Wie denn eine Gemeinde mit 70 Aktiven über die erste Grenze wachsen könne, will Co-Host Anna Näf wissen. «Zuerst muss die Leitung der Gemeinde nach dem Auftrag fragen», sagt Christen; damit dies gelingt, hat er das Heft «Ja, unsere Gemeinde darf wachsen» geschrieben, mit dem Kirchen sich sieben Wochen lang mit den Voraussetzungen für Wachstum beschäftigen können. «Die Gemeindeleitung muss sich wirklich einig werden, dass man eine Vision für die Gemeinde entwickeln will.»

Das Thema Evangelisation entstauben

Dann müsse das Thema Evangelisation abgestaubt werden. «Evangelisation heisst ja einfach, das Evangelium zu den Leuten zu bringen.» In der Prisma-Kirche habe er auf der einen Seite Wert darauf gelegt, dass die Gottesdienste auch für Nicht-Geübte verständlich sind und daneben Alphalive-Glaubenskurse angeboten.

«Ganz wichtig: das Essen vor dem Input. Die Leute wollen zuerst dabei sein und etwas spüren, bevor sie sich mit dem Inhalt beschäftigen.» Glaubenskurse sind wichtig, hat Christen gemerkt: Menschen, die neu zum Glauben fanden, hätten am meisten Beziehungen nach aussen gehabt. «Sie hatten ganz andere Kontakte als die Leute, die schon lange dabei waren.»

Komplexität absorbieren

Je grösser eine Gemeinde wird, desto ausgeprägter sei die Komplexität. «Mehr ist nur möglich mit mehr Komplexität.» Das sei für viele Kirchenleitende abschreckend, und zwar in Frei- und Landeskirchen. Wichtig sei, dass man das Wesen der Komplexität verstehe, sagt Christen. «Das Knäuel der gefährlichen Komplexität muss man aufgliedern in Unterpunkte, die man versteht und mit ungefährlicher Komplexität absorbieren kann.»

In der Prisma-Kirche habe man zum Beispiel gemerkt, dass die Angebote der verschiedenen Altersstufen ihren Jahresabschluss zu unterschiedlichen Zeitpunkten begehen. «Dann entstand das Problem, dass die Kinder des einen Angebots schon in das neue Angebot kommen wollten, dass dieses wiederum seinen Jahresabschluss noch nicht gehabt hatte.» Nachdem die verschiedenen Gruppen im gemeinsamen Gespräch das Problem gründlich verstanden, kam man zum Schluss, dass alle Gruppen am gleichen Wochenende ihr Jahr abschliessen und am gleichen Wochenende die Neuen willkommen heissen.

Warum Menschen gerne mitmachen

Wie eine Kirchgemeinde organisiert sei, nennt René Christen «Handwerk Gemeindebau». Daneben braucht es auch die Begeisterung für die Sache. «Wenn die Arbeit in einer Gemeinde spannend ist, dann machen Menschen gerne mit.» Auch da spiele es eine Rolle, wie die Arbeit organisiert sei: «Appelle bringen nichts. Aber wenn die Leute merken, dass sie sich einbringen können, dann arbeiten sie gerne mit.» Aufgebaut müsse eine Kirchgemeinde immer von unten nach oben sein.

Was die Landeskirche von seinen Erfahrungen lernen könne, fragt Lukas Huber. «Es ist möglich, dass in der Schweiz heute noch Kirchen wachsen. Es gibt nicht nur Abbau und Fusionen.» Dass die verschiedenen Kirchen voneinander lernen, sei ein gutes Zeichen für die Zukunft der Kirche.

René Christen hat aufgrund seiner Erfahrungen das Buch «Wirksam leiten, weniger Leiden» geschrieben und den YouTube-Kanal «Wirksam leiten» gestartet.

Die ganze Episode kann man hier anhören