«In Menschen investieren»

Gespeichert von Roland Mürner am

Wenn Kirchgemeinden mit Ambitionen von Freikirchen lernen wollen, werden sie nicht darum kommen, sich intensiv zu überlegen, wie man in Menschen investieren kann. Das kann in grossen und kleinen Kirchgemeinden gelingen.

Von Lukas Huber

Die letzte Staffel des Podcasts «Aufwärts stolpern» über Freikirchen zeigte: Reformierte Kirchgemeinden können von Freikirchen lernen, wie viel diese in Menschen investieren. Gleich zu Beginn der dritten Rückblick-Episode sagt Co-Host Lukas Huber, er höre unter Pfarrkollegen manchmal die Aussage: «Ja, Freikirchen haben halt viele Freiwilligen», wie wenn unbezahlte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dort vom Himmel fielen.

In der ganzen Staffel zeigte sich immer wieder: In Menschen investieren ist in vielen freikirchlichen Kontexten eine theologische Grundüberzeugung: Es geht um die Gemeinde, nicht um die Pfarrer. Und es ist harte Arbeit, Menschen in das Engagement zu berufen und auszubilden.

Co-Host Anna Näf zeigt sich beeindruckt von der Chrischonagemeinde Schleitheim im Kanton Schaffhausen, deren Gemeindeleiter Christoph Gasser in Episode 11-02 berichtete, was sich die Gemeindeleitung nach der Kündigung ihres Pastors überlegte: Sie erhob, wie viel Zeit von allen Engagierten in die Gemeindearbeit investiert wird, rechneten das in Arbeitsprozente um und merkten, dass mit der Kündigung des Pastors lediglich 80 von insgesamt 500 Stellenprozente weggefallen waren. Diese Überlegung hält Lukas Huber für bedenkenswert auch in landeskirchlichem Zusammenhang: «Es wäre schon einmal interessant, die Zeit der unbezahlten Mitarbeiter umzurechnen in Stellenprozente und zu sehen, wie viel das ausmacht.» Anstatt einen neuen Prediger zu suchen, investierte die Chrischona Schleitheim das freigewordene Geld in Angebote, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter schulten, zum Beispiel mit einem Predigtkurs.

In Episode 11-03 berichtete Anna Sommer, sie sehe die Tatsache, dass die Chile Grüze ziemlich klein ist mit grossen Freikirchen in der Nähe, nicht als Nachteil an, sondern es biete eigene Chancen. Bei Jugendkleingruppen-Gottesdiensten können Jugendliche Musik machen, die noch nicht gut genug wären, um auf grösseren Bühnen zu spielen. Kleine Gemeinden können eine Gelegenheit sein, um in Anfänger zu investieren.

Das gleiche Thema beschäftigte – am anderen Ende des Qualitätsspektrums – auch David Reusser vom Praisecamp. Der Grossanlass mit über 7000 Besucherinnen und Besucher muss natürlich professionell organisiert sein. Aber auch das Praisecamp versucht, möglichst viele Bereiche ohne bezahlte Mitarbeiter abzudecken, nicht um Geld zu sparen, sondern um Menschen auf hohem Niveau auszubilden. Dieses Wissen soll dann in die Kirchen zurückgespielt werden. Dass das gelingt, bestätigt Anna Näf: «Ich kenne ein paar Junge, die im Praisecamp angefangen haben, Videos zu machen und das dann in ihren Gemeinden eingesetzt haben.»

In der Mitte des Qualitätsspektrums stand Marc Bommeli mit dem Godi Amriswil, was Lukas Huber zur Bemerkung bringt, dass gerade die Technik, sei es im Audio-, Video- oder Lichtbereich, ein idealer Bereich sei, um Buben in die kirchliche Arbeit einzubinden und zu fördern.

Kita-Leiterin Heidy Stutz erzählte in Episode 11-08, wie sie als Jugendliche angefragt worden sei, ob sie in der Jugendgruppe mitleiten und später, ob sie im Gottesdienst moderieren wolle. Das habe entscheidend geholfen, dass sie heute kein Problem damit habe, vor allen Eltern der Kita «Spatzenescht» in Hallau zu reden. Lukas Huber berichtet von einem Elternabend, wo er erzählt habe, dass er gerne Kinder der 5. Klasse anfrage, ob sie bereit seien, im Jugendgottesdienst-Theaterteam mitzumachen. Das bereichere die Jugendgottesdienste und fördere gleichzeitig ihre «Auftrittskompetenz». Als er das am Elternabend erzählt habe, hätten mehrere Eltern zustimmend genickt.

Anknüpfend an Stefan Schweyers Beobachtung, dass Freikirchen aus einer nicht-pfarramtlichen Logik entstanden seien, berichtet Lukas Huber aus der Schaffhauser Kantonalkirche, die zurückgreift auf Calvins Ämterlehre, die nicht nur das Pfarramt kennt, sondern daneben noch drei weitere Ämter. Mit dieser Ausgangslage mache es die Schaffhauser Kirche möglich, dass auch Menschen kirchlich angestellt werden können, die nicht wissenschaftliche Theologie studiert haben.

Aus der ganzen Staffel zieht Anna Näf das Fazit, dass es in allen Grössenordnungen und Kontexten einer Kirchgemeinde mit Ambitionen möglich ist, in Menschen zu investieren. Man muss sich nur davor hüten, dem Gedanken zu folgen, dass es schneller geht, wenn man etwas selber macht.

Die ganze Episode kann man hier anhören