Re-Islamisierung auf Türkisch

Die erneute Umwidmung der Hagia Sophia in Istanbul zur Moschee im Juli erscheint als Teil einer Kampagne der türkischen Führung, die ohne Rücksicht auf Minderheiten und die kulturelle Bedeutung der Bauten geführt wird.

Die Hagia Sophia in Konstantinopel war für Jahrhunderte die Hauptkirche der Christenheit. Nach der Eroberung der Stadt durch die Türken 1453 wurde sie eine Moschee. Ende Juli hat der türkische Präsident Erdogan in der Spur des Eroberer-Sultans den grandiosen Kuppelbau, seit 1934 Museum, wieder zur Moschee gemacht.

Proteste im In- und Ausland konnten Erdogan, innenpolitisch unter Druck und im verschärften Konflikt mit Griechenland, nicht vom symbolträchtigen Schritt abhalten. Am 3. Juli urteilte das oberste Verwaltungsgericht der Türkei, eine Nutzung ausserhalb des 1453 vom Eroberer festgelegten Charakters sei rechtlich nicht möglich.

Drei Wochen später war die «Ayasofya» wieder Moschee: Der Chef des türkischen islamischen Religionsamtes bestieg die Kanzel mit einem osmanischen Krummsäbel in der Hand. In seiner Freitagspredigt dankte er Allah für diesen Tag des Segens und stiess heftige Verfluchungen aller jener aus, die »«Gebote und Werte des Islam missachten». Das Regierungs-Fernsehen nahm immer wieder die jetzt verhängten christlichen Mosaiken und Fresken der einstigen Kirche ins Bild, um die Wiedereroberung durch den Islam nach Jahren als weltliches Museum augenfällig zu machen.

Die Hagia Sophia war während über 900 Jahren, von 537 bis 1453, Sitz des Patriarchats von Konstantinopel und damit Hauptkirche des Byzantinischen Reichs. Der Gründer der modernen Türkei, Kemal Atatürk, machte den Bau 1934 zum Ayasofya-Museum, als ihm die einzigartigen byzantinischen Mosaiken und Fresken gezeigt wurden. Fortan war das Museum – die Kuppel mit 31 m Durchmesser gehört zu den genialen Leistungen der Architektur – ein Hauptsymbol der modernen Türkei.

Den Bruch mit Atatürks Hinwendung zu Westeuropa unterstrich Recep Tayyip Erdogan, indem er am Tag nach der Re-Islamisierung der Hauptkirche in Camlica im asiatischen Teil von Istanbul eine weitere Moschee mit sechs Minaretten eröffnete. Dabei forderte er seine Kritiker im Ausland auf, zuerst die eigenen Muslimminderheiten besser zu behandeln, bevor sie sich in innertürkische Angelegenheiten einmischten.

Und damit nicht genug: Am 20. August wurde sein Erlass bekannt, auch die frühere Chora-Kirche an den mittelalterlichen Konstantinopler Stadtmauern wieder zur Moschee zu machen. Die Kariya Camii gehörte als Museum mit ihren prächtigen byzantinischen Mosaiken und Fresken, in jahrzehntelanger Arbeit freigelegt, zu den Touristenattraktionen Istanbuls.

Istanbuls Christen hatten an Erdogan appelliert, seine Entscheidung zu revidieren: «Das stellt nicht nur die Missachtung eines Weltkulturerbes dar, es öffnet auch die Büchse der Pandora, indem der Eindruck erweckt wird, dass jeder in seinem Land nach eigenem Gutdünken mit Denkmälern verfahren kann, die der gesamten Menschheit gehören.»

In der westtürkischen Millionenstadt Bursa fuhren am 2. September die Bagger auf, um die ehemalige griechisch-orthodoxe Georgskirche abzureissen. Die im Volksmund als «Hagia Sophia von Bursa» bekannte Kirche war nach der Vertreibung der christlichen Bevölkerung 1923 in eine Moschee umgewandelt worden. Nach dem Bau neuer Moscheen im benachbarten Stadtteil wurde diese aber nicht mehr benützt.

2006 erwarb der Bürgermeister der Stadt das Gotteshaus, liess es in seiner ursprünglichen Gestalt wiederherstellen und benützte es für kulturelle Zwecke. 2016 wurde der Kulturbetrieb eingestellt. Ab 2019 teilte die islamische Behörde der Stadtgemeinde mehrmals mit, dass es sich um eine Moschee handle, die nicht anderweitig verwendet werden dürfe. Allerdings bestehe an einer solchen kein Bedarf, so dass man den Abriss des Bauwerks beschlossen habe…

Quelle: Orthodoxe Nachrichten-Agentur ONA    Bild: pixabay