Arbeit nach innen – mit Aussenwirkung

Wie wirkt die Thurgauer Kantonalkirche bei der Gemeindeentwicklung mit? Ein Beitrag von Kirchenratspräsident Pfr. Wilfried Bührer.

Kirchenverantwortliche stehen oft vor der Frage: Wo setzen wir unsere Prioritäten? Im Aufbau nach innen: Förderung des Gottesdienstbesuchs, Jugendarbeit, Bildung von lebendigen Zellen… – mit dem Gedanken im Hinterkopf, dass die Kirche nach innen stark genug sein muss, damit sie eines Tages auch ohne staatliche Krücken leben kann?

Oder in der Wirkung nach aussen: Werbemassnahmen bei Distanzierten (ohne sie näher zur Kirche führen zu wollen), Hinweise auf soziale Tätigkeiten zur Steigerung der Akzeptanz, (selbst-)kritische Publikationen… – mit dem Gedanken im Hinterkopf, dass dadurch der eine oder andere vom Kirchenaustritt abgehalten werden kann oder zumindest die Akzeptanz in der Gesamtbevölkerung gewahrt bleibt?

Fokus Jugendarbeit

Die Thurgauer Landeskirche legt ihren Schwerpunkt eher auf die erstgenannte Arbeitsweise, auf das Wirken nach innen. Und dies zwar nicht überall, aber teilweise mit Erfolg, vor allem in der Jugendarbeit.

Der Weg dazu führt über zielstrebige Bemühungen: Beziehungsarbeit, Aufbauarbeit, Knochenarbeit. Die Thurgauer Kirche hat deswegen nicht weniger, aber auch nicht mehr Austritte als vergleichbare andere Kirchen. Der Verzicht auf professionelle Imagesteigerungs-Massnahmen wirkt sich nicht negativ aus.

Distanzierte ernst nehmen

Wenn die «Distanzierten» in den Fokus genommen werden, sind es oft «Vorzeige-Distanzierte»: Leute, die in einem allzu eng-frommen Elternhaus aufgewachsen sind, oder Leute, die in früheren Jahren eine sehr bekennende Phase hatten und sich von dieser verabschiedet haben. Oder Leute, die sich rein intellektuell mit dem Thema Religion befassen.

Mit diesen zu diskutieren ist spannend, und sie haben ein Recht darauf, mit ihren Erfahrungen und Gedanken ernstgenommen zu werden. Nur repräsentieren sie nicht das Gros der Kirchendistanzierten.

Thesen 500 Jahre nach Luther

Diese bestehen vielmehr aus Menschen, deren Distanz über Generationen unmerklich gewachsen ist. Das kann so weit gehen, «dass sie vergessen haben, dass sie Gott vergessen haben», um es mit einem Wort zu sagen, das im Gebiet der Ex-DDR die Runde macht.

Der St. Galler Bischof, Markus Büchel, gab kürzlich auf die Frage «Muss die Kirche offensiver für sich werben?» in einem Interview zu Pfingsten zur Antwort: «Werbung für die Kirche läuft am besten über vernünftige, überzeugte Christinnen und Christen.» Damit hat er sicher Recht.

Auch das Gros der Kirchendistanzierten begegnet immer mal wieder Leuten, die als ChristInnen zu erkennen sind. Wenn diese nicht nur überzeugt, sondern auch überzeugend ihr Christsein leben und man mit ihnen erst noch vernünftig reden kann, wird das positiv zur Kenntnis genommen.

Mit Überzeugung die Begegnung suchen

Kirchendistanzierte haben nach meiner Erfahrung nichts dagegen, wenn Repräsentanten der Kirche ihnen als überzeugte Christen begegnen, im Gegenteil. Kirchendistanzierte erwarten nicht, dass bloss ihre Adresse bewirtschaftet wird und sie von der Kirche mit Direct-Mailings angeschrieben werden.

Wilfried Bührer vor den Abgeordneten des Kirchenbunds.

Sie erwarten vielmehr, dass sich Repräsentanten der Kirche auf dem christlichen Glauben behaften lassen und man mit ihnen darüber diskutieren kann. – Gelegentlich ganz schön anstrengend und herausfordernd!

Arbeit am Aufbau nach innen und eine positive Ausstrahlung nach aussen sind keine Gegensätze. Eine gute innere Aufbauarbeit wird ihre Wirkung nach aussen nicht verfehlen.

Pfr. Wilfried Bührer, Präsident des Evangelischen Kirchenrats Thurgau
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