Kirchen und Gemeinden im EKD-Reformprozess: Mehltau oder Morgenglanz?

Gemeindeentwicklung geschieht in komplexen Feldern. Pfr. Hans-Hermann Pompe, bis 2018 Leiter des EKD-Zentrums für Mission in der Region (ZMiR) überblickt, was deutsche Landeskirchen unternommen haben und wohin sie gelangt sind.

Der EKD-Reformprozess «Kirche der Freiheit» von 2006 hat ein Jahrzehnt mitgeprägt, ist aber nun im Wesentlichen Geschichte. Der Rat sowie der Rats-Vorsitz haben sich personell verändert, die Reformzentren für Gottesdienst und Predigt sind in Wittenberg neu aufgestellt, das Zentrum für Mission in der Region (ZMiR) wurde in die neue Arbeitsstelle midi Berlin eingeschmolzen, eine Führungsakademie für Kirche und Diakonie ist in Berlin etabliert.

Die Reform-Impulse sind von den Landeskirchen teils aufgenommen, teils transformiert, teils auch schlicht ausgesessen worden. Konkrete Reform-Bewegungen gibt es in vielen Landeskirchen, etwa in der Mitteldeutschen Kirche (Erprobungsräume), in Hannover (Jahr des Lassens), in Bayern (Profil und Konzentration) oder im Rheinland (Unterwegs mit leichtem Gepäck).

Am deutlichsten missionarisch ausgerichtet sind dabei die Erprobungsräume als Suche nach einem erweiterten und in einer konfessionslosen Umgebung weiter greifenden Gemeindebegriff.

Ist die Kirche kreativ? Glaskunst von Marion Hempel, Wachwitz bei Dresden

Es bleibt das Verdienst des EKD-Reformprozesses, der Evangelische Kirche in grosser Breite deutlich gemacht zu haben: Weiter wie bisher geht es nicht. Sein nachhaltigstes Ergebnis sind m.E. diese vier Richtungsansagen:

•  Geistliche Profilierung statt undeutlicher Aktivität. Wo evangelisch draufsteht, muss Evangelium erfahrbar sein.
•  Schwerpunktsetzung statt Vollständigkeit. Kirchliches Wirken muss nicht überall vorhanden sein, wohl aber überall sichtbar.
•  Beweglichkeit in den Formen statt Klammern an Strukturen. Nicht überall muss um des gemeinsamen Zieles willen alles auf dieselbe Weise geschehen; vielmehr kann dasselbe Ziel auch auf verschiedene Weise erreicht werden.
•  Aussenorientierung statt Selbstgenügsamkeit. Auch der Fremde soll Gottes Güte erfahren können, auch der Ferne gehört zu Christus.

Stiess den Reformprozess an: Wolfgang Huber, EKD-Ratsvorsitzender 2003-2009

Morgenglanz der Mission? Ja, in kleinen Teilbereichen gibt es Mut zu Veränderungen. Neue Formate werden nicht nur geduldet, sondern auch gefördert. Die Frage der Mission ist auf der Tagesordnung geblieben, zwei EKD-Synoden (1999 und 2011) haben sie gefördert: Es gibt ermutigende Aufbrüche in Gemeinden und Regionen, einige exemplarische Beispiele hat das ZMiR als Videoclips und Fachkommentar dokumentiert. (Download)

Zur ehrlichen Selbstwahrnehmung gehört aber, dass ein resignativer Mehltau viele Bereiche der Kirche lähmt: Aufbruchsstimmung ist rar, Dienst in einer kleiner werdenden Kirche findet dann eher aus Pflicht als aus Freude statt. Manche verkämpfen sich in innerkirchlichen Schuldzuweisungen: Viel Kritik am EKD-Reformprozess witterte die Auflösung der Ortsgemeinden, kam nicht über ein «So nicht!» hinaus und blieb entsprechend wirkungslos.

Manche fliehen in die Vergangenheit: Rituale werden gerne inszeniert – obwohl der Markt längst punktuelle Rituale (Kasualien) ohne Mitgliedschaft anbietet. Äussere Formen oder kurzfristige Trends werden hoch gehängt – was die Entleerung des Kerns, die Herausforderung der Kommunikation eines für eine spätmoderne Gesellschaft relevanten Evangeliums eine Weile übertünchen kann.

Die Kritik an der mittelalterlichen Parochialstruktur wird mit ihrer theologischen Überhöhung beantwortet – damit werden aus herkömmlichen Formate und neuen Formen (Fresh X) falsche Alternativen.

Wie ist die Kirche in den Zentren präsent? Samstag in Tübingen.

Die wissenschaftliche Theologie in Deutschland hat ihr grundlegende Gemeinde- und Praxisdistanz nicht wirklich verringert. Vieles wirkt wie ein steiler Rücksturz ins 19. Jahrhundert (Schleiermacher-Renaissance), die missionarische Herausforderung wird weitgehend ignoriert, es gibt kaum wegweisende ekklesiologische Impulse, die Kirchentheorie reflektiert v.a. das Vorhandene. Weiterhin gilt Distanz zur Kirche oft als Ausweis von Wissenschaftlichkeit – weltweit gesehen ein theologischer Sonderweg.
 

Lutherdenkmal in Wittenberg

Die missionarische Bewegung ist relativ klein, durchaus heterogen und manchmal visionsarm, aber sie ist kirchenleitend akzeptierter als früher. Innovative Formate (Gottesdienste für Distanzierte, Kurse zum Glauben, Fresh X etc.) erreichen durchaus Kirchenferne, wenn auch nicht in grosser Zahl.

Ehrenamt und Hauptamt suchen nach einer neuen Aufteilung: In missionarischen Bereich gelingt die Leitungsverantwortung Ehrenamtlicher ziemlich gut, dient das Hauptamt zur Schulung, Begleitung und Stärkung.

Einige Erfahrungen 2010-2018 aus den regionalen Prozessen des ZMiR:

•  Regionale Kooperation vervielfacht die eigenen Möglichkeiten. Wer sich mit anderen Gemeinden abspricht und ergänzt, gewinnt deutlich dazu (vgl. C. Ebert/H.-H. Pompe, Handbuch Kirche und Regionalentwicklung, Leipzig 2014).

•  Schwächere, müde oder unerfahrenere Gemeinden können sich einem regionalen Prozess leichter anschliessen: So ist das Projekt Gottesdienst erleben (Back to Church Sunday Deutschland) in vielen Regionen wirksam geworden.

Hans-Hermann Pompe, Autor dieses Texts, an der LKF-Tagung 2011 in Bern.

Christinnen und Christen bekommen Mut, andere anzusprechen; Menschen, die sonst nicht kommen, lassen sich beachtlicher Zahl zum Gottesdienst einladen.

•  Die drei genetischen Schwächen des mittelalterlichen Parochialprinzips (territoriale statt beziehungsorientierter Zugehörigkeit; Autonomie der Gemeinde vor Kooperation mit Nachbarn; der überfordernde Anspruch auf Vollprogramm für alle Milieus, Generationen und Lebenswelten) können in regiolokaler Kirchenentwicklung zu Stärken werden.

•  Wechselseitig lassen Ergänzung, Profil und Solidarität die regionale Dimension des Leibes Christi sichtbar werden (Vgl. M.Herbst/H.-H. Pompe, Regiolokale Kirchenentwicklung. Wie Gemeinden vom Nebeneinander zum Miteinander kommen können, zmir:klartext, 50 Seiten, Dortmund).

•  Mission als Haltung von Gastfreundschaft und glaubwürdigem Zeugnis ist gekoppelt an eine Neuentdeckung des Auftrags. Der Auftrag gewinnt seine Kraft in einer erneuerten Spiritualität: Jede Mission entsteht aus den Quellen der Kraft Gottes und einer neuen Liebe zur Mitwelt.

•  Austrittsgeneigte Kirchenmitglieder brauchen Erfahrungen von Relevanz («Es geht mich an, davon habe ich etwas») und Resonanz («Es berührt mich, spricht mich an»). Pilotprojekte stehen noch ganz am Anfang – das ZMiR hat zu «Indifferenz als Unbestimmtheit» Analysen, theologische Deutung und erste Handlungsschritte vorgelegt.*

Pfr. Hans-Hermann Pompe, midi – Evangelische Arbeitsstelle für missionarische Kirchenentwicklung und diakonische Profilbildung Berlin


Die Bücher des ZMiR sind über den Buchhandel erhältlich. Alle anderen ZMiR-Publikationen und Materialien: Download, gedruckt über den Webshop der Diakonie

* Als Materialien zu Indifferenz sind derzeit verfügbar:
D. Hörsch/H.-H. Pompe (Hg.), Indifferent? Ich bin normal. Indifferenz als Irritation für kirchliches Denken und Handeln (KiA 23), 2017 EVA Leipzig (€ 14,80).
Der Grundlagentext: Team ZMiR, Evangelium und Indifferenz. Thesen – Haltungen – Praxisideen. Zmir:klartext, 2. Auflage, Berlin 2019.
Die Landkarte zur spielerischen Erkundigung des Themas: „Kleiner Reiseführer durch das Gebiet der Indifferenz“ (10er-Pack für € 6,-)

Bild Banda Brasileira: EKMD, Erfurt