Zivilcourage!

Christine Schliesser fragt von der evangelisch-theologischen Ethik her nach dem Wesen von zivilcouragiertem Handeln. Sie erinnert an den St. Galler Polizeihauptmann Paul Grüninger, der wegen seines Einsatzes für Juden abgesetzt wurde. Was befähigte ihn, Unrecht zu erkennen und sich für Flüchtlinge einzusetzen?

1864 gebrauchte Bismarck das Wort erstmals, in Abgrenzung zum Mut auf dem Schlachtfeld. Bei Aristoteles findet sich der Bürgermut bereits als Mitte zwischen Opportunismus und dem bornierten Durchsetzen eigener Vorstellungen. Christine Schliesser verweist auch auf Blaise Pascals Wort «Le cœur a ses raisons que la raison ne connaît point», welches das Zusammenspiel von theoretischem Denken und intuitiver, existentieller Erkenntnis meint. «Im Herzen wohnt die Courage, die wir im Deutschen auch als ‹Beherztheit› kennen – also mutig, zupackend, unerschrocken sein.»

Zivilcourage hat in Unrechtsstaaten einen unkalkulierbaren Preis; in Rechtsstaaten zeigt sie sich unter anderem in zivilem Ungehorsam gegen den Staat; sie darf aber nicht darauf eingeengt werden. Denn sie ist auch vonnöten, um gegen die herrschende Meinung oder Praxis aufzutreten – um den Preis sozialer Sanktionen – und sich für Opfer von Unrecht einzusetzen.

Zivilcourage kann verstanden werden als «Überzeugungs- und Bekenntnismut». Als Theologen bewiesen ihn Karl Barth und Dietrich Bonhoeffer. Barth sagte im Juni 1933 vor Pfarrern in Elberfeld, nun gelte es, Zivilcourage zu zeigen. Damit verbunden riet er, fürs Volk zu beten, sich auf die kirchliche und theologische Arbeit zurückzubesinnen und sich «für das Martyrium bereit zu machen». Schliesser: «Zivilcourage steht bei Barth also nicht etwa im Widerspruch zu kirchlicher und theologischer Arbeit und auch nicht unverbunden neben ihr, sondern erst aus ihr kann die theologisch gegründete Zivilcourage erwachsen.»

Die Barmer Erklärung von 1934 stellt laut Schliesser darauf ab, «dass sich die Königsherrschaft Christi auf das gesamte Leben bezieht und nicht nur auf dessen theologische bzw. kirchliche Dimensionen. Entsprechend lässt sich die Wirklichkeit nicht in zwei Bereiche aufspalten, einen geistlichen, in dem Gebet, Kirche und Theologie zu verorten wären, und einen weltlichen, in dem die Bürger und Zivilcourage ihren Platz hätten».

Bei Dietrich Bonhoeffer zeigt sich zivilcouragiertes Handeln «als Glaubenswagnis der freien verantwortlichen Tat». Er schrieb 1942: «Wir haben in diesen Jahren viel Tapferkeit und Aufopferung, aber fast nirgends Civilcourage gefunden, auch bei uns selbst nicht. … Civilcourage aber kann nur aus der freien Verantwortlichkeit des freien Menschen wachsen. Die Deutschen fangen erst heute an zu entdecken, was freie Verantwortung heisst. Sie beruht auf einem Gott, der das freie Glaubenswagnis verantwortlicher Tat fordert und der dem, der darüber zum Sünder wird, Vergebung und Trost zuspricht.»

In seiner Ethik formulierte Bonhoeffer ein radikales Verständnis von Verantwortung: «In Christus begegnet uns das Angebot, an der Gotteswirklichkeit und an der Weltwirklichkeit zugleich teil zu bekommen, eines nicht ohne das andere. Die Wirklichkeit Gottes erschliesst sich nicht anders als indem sie mich ganz in die Weltwirklichkeit hineinstellt, die Weltwirklichkeit aber finde ich immer schon getragen, angenommen, versöhnt in der Wirklichkeit Gottes vor.»

Das zivilcouragierte, verantwortliche Handeln, an Gott und dem Nächsten ausgerichtet, geschieht, so Schliesser, «im Zwielicht der Geschichte und hat keine Garantie auf Richtigkeit, sondern weiss sich allein auf die Gnade Gottes geworfen. Zivilcourage ist nach Bonhoeffer für Christinnen und Christen keine Option, sie ist Selbstverständlichkeit.»

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