Wachsam betend Nüchternheit einüben

Das Motto «Geh in deine Wohnung und bleibe dort; meide die Menschen» von Gottsuchern im Ägypten des 4. Jahrhunderts verbindet sie mit uns in Corona-Zeiten. Laut Katharina Heyden lohnt es sich, auf die Stimme der Wüstenväter und -mütter zu hören: «Wachsames Beten als Einüben heiliger Nüchternheit.»

Im 4. Jahrhundert wurde das Christentum im Römerreich salonfähig; Bischöfe erlangten Macht und wurden Richter. In dieser Zeit entstand das Mönchtum: Christen suchten «Einsamkeit, ein radikal einfaches Leben und das Glück im Gebet, in Gott». Wollten sie (auch) eine christliche Gegen-Gesellschaft aufbauen?

Katharina Heyden, Professorin an der Uni Bern, interpretiert Worte der Wüstenväter und -mütter von 1. Petrus 5,8 («Seid nüchtern und wachsam…») und 1. Thessalonicher 5,17 («Betet ohne Unterlass») her. Abbas Poimen sagte: «Wir brauchen nichts als einen wachen Geist.“ Im Kellion (Urform der Zelle) sollten die Gottsucher die innere Ruhe in Gott suchen. Und aushalten, bei einer Menge von Versuchungen. «Das Beten ist kein zeitweises Tun; sondern es soll eine Haltung sein, eine Wachsamkeit, die das ganze Leben ausmacht.»

Nüchtern sein wird geübt durch Wachen, Schlafentzug, und Fasten. Nüchtern auf sich selbst blicken heisst unterscheiden. «Die Unterscheidung der Geister ist die höchste Tugend der Mönche.» Heilige Nüchternheit ist zweitens Nüchternheit gegenüber Gott – in Demut und Freimut (parrhesia). «Suche Gott, aber suche nicht, wo er wohnt» (Abbas Sisoes).

Drittens wird von den frühen Mönchen ein nüchterner Umgang mit anderen geübt. «Aus dem nüchternen Blick auf sich selbst, aus nüchterner Demut und Freiheit gegenüber Gott folgt das vielleicht grösste Gebot der Wüste: Richte nicht! Unterscheide, aber verzichte auf das Richten.»

Das Schweigen aushalten und Psalmen singen – ungekürzt: Die Wüstenväter lehren, keine Verse auszulassen und sie aus-inwendig zu beten, um in der Psalmenwelt geistig zu leben. 

Die ersten Mönche sind für Katharina Heyden wie ein Stachel in der Mehrheitskirche. «Sie arbeiten am Selbst um der Gemeinschaft willen.»

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