Gebet und Ökumene als Verlustgeschäft

Vom Wort von Papst Franziskus in Genf, die Ökumene sei ein grosses Verlustgeschäft, schlägt Frère Richard von Taizé den Bogen zu Niklaus von Flüe. «Beten kann gefährlich werden; wir können dabei viel verlieren, vielleicht uns selbst.»

 

Frère Richard verweist eingangs auf die gemeinsamen Gebetszeiten, welche die Brüder von Taizé an den Studientagen in Fribourg gestalten wollten – morgens, mittags und abends. «Denn wir reden, hören und denken anders, wir gehen anders miteinander um, wenn das Gebet den Lauf der Dinge regelmässig unterbricht.»

Verluste machen uns in Corona-Zeiten zu schaffen. Verlust und Entttäuschung sind auch biblische Themen. Frère Richard nimmt eine überraschende Aussage von Papst Franziskus auf, der am 21. Juni 2018 den 1948 gegründeten Weltrat der Kirchen in Genf besuchte: die Ökumene sei «ein grosses Verlustgeschäft».* Der Papst sprach nach Galater 5 von einem „dem Evangelium gemäßen Verlust entsprechend der von Jesus vorgezeichneten Spur: ‚Denn wer sein Leben retten will, wird es verlieren; wer aber sein Leben um meinetwillen verliert, der wird es retten‘ (Lukas 9,24). Das Eigene zu retten bedeutet, im Fleisch zu wandeln; sich in der Nachfolge Jesu zu verlieren bedeutet, im Geist zu wandeln.»

Frère Richard erwähnt den Gründer der Gemeinschaft von Taizé, Frère Roger. Dieser rief die Brüder auf, «die Besonderheiten zu verlieren, die uns voneinander trennen».

Das Wort von Jesus in Lukas 9,24 «ist viel rätselhafter und paradoxer, als es auf den ersten Blick scheint. Es sagt nicht, was zu tun ist. Es lässt einen ziemlich ratlos da stehen. Ich soll mein Leben weder verlieren wollen noch retten wollen. Was denn? Soll ich vielleicht überhaupt nichts wollen?»

Das Wort psychè im griechischen Text von Lukas 9,24 lässt sich im Zusammenhang verstehen:

«Wer sein Selbst retten will, wird es verlieren; wer aber um meinetwillen sein Selbst verliert, der es wird retten.» Frère Richard stellt Johannes 12,24 dazu, erwähnt Gleichnisse von Saat und Ernte und fragt: Inwiefern muss nicht nur das Weizenkorn meines Selbst, sondern auch das Weizenkorn unserer kollektiven Identitäten in die Erde fallen und sterben? Papst Franziskus spielte mit dem «Verlustgeschäft» darauf an: Die Ökumene gerät leicht ins Feuer der Kritik, «weil man nicht zur Genüge die Interessen der eigenen Gemeinschaften schützt».

Ohne Gebet bleibt die Ökumene bei frommen Wünschen, ausgeklügelten Theorien oder belanglosen Aktivitäten stehen, hält Frère Richard fest. Und kommt zum Gebet von Niklaus von Flüe, das in den Worten gipfelt: «Nimm mich mir und gib mich ganz zu eigen dir».

Er verweist auf Paulus. Dieser hat, wie Paul Ricoeur herausstellt, um Christi willen einen Teil seines jüdischen Erbes verloren, und ist jetzt sogar bereit, das Wertvollste, seine neue Identität des Einsseins mit Christus, zugunsten seines Volkes zu verlieren (Römer 9,3, vgl. Philipper 3,10-11).

Kurz: «Beten kann gefährlich werden, wir können dabei viel verlieren, vielleicht uns selbst. Was bedeutet das nicht nur für jeden Einzelnen, sondern auch für unsere Kirchen und Gemeinschaften? … Mögen wir uns im Glauben und Beten an Gott verlieren. Mögen wir uns in der Liebe und der Barmherzigkeit aneinander verlieren. Mögen wir die Freude, Gott und einander zu gehören, wichtiger nehmen als unsere Eigenheiten.»

Zurück zur Übersicht

* http://w2.vatican.va/content/francesco/de/speeches/2018/june/documents/papa-francesco_20180621_preghiera-ecumenica-ginevra.html