Transhumanismus als Traum und Herausforderung

Oliver Dürr, Uni Fribourg, stellt die mit dem Begriff Transhumanismus zusammengefassten Bemühungen dar, den Menschen zu vervollkommnen und seine Endlichkeit zu überwinden, und kommentiert sie aus christlicher Sicht.

Unter «Transhumanismus» versteht Dürr verschiedenste Bemühungen zur Optimierung, qualitativen Steigerung und Verlängerung des menschlichen Lebens (Human Enhancement) angesichts von Krankheiten, Einschränkungen, Unzulänglichkeiten und Leiden. «In letzter Konsequenz geht es dem Transhumanismus darum, (mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln) den Tod zu überwinden», oder wenigstens hinauszuzögern.

Der Transhumanismus spiegelt gesamtgesellschaftliche Trends; Dürr vermutet, dass viele Menschen seine Überzeugungen, Wertvorstellungen und Anliegen teilen, ohne sich als Transhumanisten zu bezeichnen. Exemplarisch zeigt sich dies in der Offenheit für Künstlichen Intelligenz. «Nicht wenige Menschen sind heute davon überzeugt, dass der Mensch dereinst von Künstlichen Intelligenzen restlos ersetzt werden kann.»

Wird von neuronalen Netzwerken gesprochen, kommt es zu einem Vergleich von Rechnern mit dem menschlichen Gehirn. Das Vergleichen befeuert das Verlangen, den Mensch zu optimieren. Nach Dürrs Analyse zeigen transhumanistische Visionen und Gestaltungspläne, wohin die verbreitete «reduktive Weltanschauung eines nihilistischen, voluntaristischen, nominalistischen und konstruktivistischen Naturalismus führt».

Der Transhumanismus setzt darauf, dass Humanmedizin und Computertechnologie informationstheoretisch zusammenwachsen. Eugenik mit CRISPR und Genom-Editing sind neue Werkzeuge, um den Menschen zu verändern. Andererseits laufen Bestrebungen, den jetzigen Menschen zu transzendieren und also das Menschliche hinter sich zu lassen. Dabei geht es laut Oliver Dürr im Wesentlichen um die «absolute Freiheit zur individuellen Selbstgestaltung».

Die Pandemie hat, meint er, «die Kernfragen des Transhumanismus in den Mittelpunkt der allgemeinen Aufmerksamkeit gerückt: Kann der Mensch den Tod mit wissenschaftlich-technischen Mitteln überwinden?» Und den transhumanistischen Traum sowohl massiv in Frage gestellt als auch nachhaltig gefördert.

Mit dem griechischen Mythos von Phaëton und dem biblischen Bericht vom Turmbau zu Babel setzt Oliver Dürr zur Kritik an. «Der Mensch ist zerrissen zwischen göttlichem Selbstanspruch – dem was er meint, er könne es sein – und konkreter Nichtigkeit, dem was er in Wirklichkeit sein kann (nach Wladimir Solowjow). Die Differenz zwischen Selbstanspruch und Realisierung bedeutet Scheitern. Christentum und Transhumanismus erweisen sich als zwei radikal verschiedene Perspektiven auf dieselbe Wirklichkeit.

Dürr kritisiert sowohl Selbstüberschätzung als auch Selbstunterschätzung des Menschen: wenn er auf maschinelle Prozesse reduziert wird, entsprechend einem digitalisierten Modell der Wirklichkeit. Der Transhumanismus «beschränkt das menschliche Vorstellungsvermögen auf das, was mit den exklusivistisch verstandenen Methoden der Naturwissenschaft begreifbar und realisierbar ist – er verschliesst also imaginativ die Möglichkeiten und Hoffnungen des Menschen und wirft ihn zurück auf sich selbst. Der Transhumanismus … sperrt den Menschen in das ausweglos dichte Gewebe der Immanenz ein.»

Eine christliche Alternative zum Transhumanismus versteht die Wirklichkeit als eine wesentlich auf Gott bezogene Schöpfung. «Vor dem absoluten und grenzenlosen Gott erscheint der Mensch ganz deutlich in seiner Endlichkeit, Kontingenz und Begrenztheit: Der Schöpfer übersteigt das Geschöpf grenzenlos. Diese Einsicht bewahrt vor Überschätzung und Unterschätzung. «Durch ein Leben vor und mit Gott, ein Leben dessen Pulsschlag das Gebet ist, vermag es der Mensch ein realistisches und im rechten Sinne nüchternes Bild von sich selbst zu gewinnen.»

Abschliessend fordert Oliver Dürr eine theologische Selbstkritik der christlichen Kirche und kirchliche Selbstkritik der christlichen Theologie. Die Kirche ist zur Arbeit an der Verwirklichung des Reiches Gottes im Horizont der erhofften neuen Schöpfung gerufen. «Dieser Hoffnung, wie sie der Transhumanismus nur in pervertierter Gestalt anzustreben vermag, muss die christliche Kirche heute eine plausible Gestalt verleihen.»

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