Gebet und Systemrelevanz

Martin Brüske, Uni Fribourg, greift ein Wort von Franz Rosenzweig auf: «Das Gebet stiftet die menschliche Weltordnung». Er konfrontiert sie mit der aktuellen Frage, ob Gebet systemrelevant – ja mehr: politisch relevant – ist. Seine These: Gebet ist jenseits der Systemrelevanz von höchster politischer Bedeutung.

Die Rede von Systemrelevanz ist zu hinterfragen. Laut Brüske sind «Krieg, Teuerung und Pestilenz die apokalyptischen Systemsprenger, auf die sich Christen, die mit der Schrift umgehen, schon immer eingestellt haben». Er bemerkt: Wenn Jesus Menschen in die letzte Entscheidung um die basileia stellt («Lasst die Toten ihre Toten begraben»), ist das nicht systemrelevant, sondern systemsprengend.

Papst Franziskus betete auf dem einsamen Petersplatz im strömenden Regen um ein Ende der Pandemie – dies wurde als vormodern bezeichnet. «Stehen wir wirklich vor dieser schlechten Alternative: auf der einen Seite einer Systemrelevanz im Sinne bürgerlicher Religionsfunktionalität und auf der anderen Seite einer absoluten Irrelevanz durch ein – im Grunde genommen – deistisches Weltbild, eine geschlossene Kausalität, in der Gott nichts mehr zu suchen hat?»

Martin Brüske plädiert dafür, die Systemrelevanz des Gebets jenseits dieser schlechten Alternative zu suchen. Seine These: These: «Gebet und Kirche sind basileia-relevant.»

Vom Wort Franz Rosenzweigs her formuliert Brüske: Gebet gehört in die messianische Wirklichkeit, die im Werden ist, mitten hinein. Da ist keine spirituelle Wohlfühl-Ecke, sondern es geht darum, dass sich Menschen für Gottes Wirken öffnen, für die eschatologische Perspektive des Reiches Gottes. «Wenn göttliche Weltordnung und menschliche Weltordnung in Entsprechung kommen, das ist die Zeit der Gnade … dann geschieht Erlösung, dann stiftet sich diese Wirklichkeit der anbrechenden Herrschaft Gottes, des anbrechenden Reiches Gottes in unsere Wirklichkeit hinein.»

Martin Brüske zitiert aus einem Brief Franz Rosenzweigs, geschrieben am Ende des Ersten Weltkriegs 1918. Darin wird klar: Im Gebet, im Gottesdienst können wir uns dem Sog des Umbruchs, des Zusammenbrechens entziehen, auch dem Druck zur «vollkommenen Durchökonomisierung unserer Gesellschaft». Dies hat höchste politische Relevanz. «So kann Reich Gottes kommen… So entsteht dann – in diesem Bergungs- und Hütungsraum – zugleich Raum von Weltverwandlung, Raum, in dem neue Schöpfung anbricht.»

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