Selbstübergabe an Gott in Leben und Tod

Ursula Schumacher, PH Karlsruhe, spricht über «Gebet im Zeichen des Endes» – Beten angesichts von Sterblichkeit und Endlichkeit.

Unsere Gesellschaft feiert Jugend, Schönheit und Vitalität und verdrängt den Tod, «systematisch, geradezu professionell, mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln». Der Umgang mit dem Tod wird an Heil- und Pflegeberufe delegiert.

Für Schumacher bleibt dieser Mechanismus selbst in Corona-Zeiten aktiv; «vielleicht lässt er sich derzeit sogar besonders gut beobachten». Wenige Wochen nach der Konfrontation mit der Zerbrechlichkeit menschlicher Existenz «hat man die Situation wieder unter Kontrolle gebracht und den Tod wieder gezähmt und domestiziert (oder besser: die Illusion wiedererrichtet, dass es irgendetwas bringen könnte, den Tod zu verdrängen) … Die Neigung dazu, sich in der Gegenwart einzurichten und sich gegenüber dem Gedanken an das Ende abzuschotten, hat ganz offenbar eine sehr starke Macht.»

In früheren Zeiten «hielt man sich den Gedanken an das unausweichliche Ende stets vor Augen, immer wieder neu. Der Tod sollte zum Begleiter des Lebens werden – in der Hoffnung, dass ein kontinuierlich auf das Ende und das Wissen um die eigene Sterblichkeit ausgerichtetes Leben anders geformt sei, demütiger sei und weniger selbstzentriert, und dass es irgendwann, in der betreffenden Stunde, leichter enden möge».

Ursula Schumacher nimmt Gedanken aus der „Theologie des Todes“ von Karl Rahner auf. Nach dem grossen jesuitischen Theologen ist nicht das Faktum des biologischen Sterbenmüssens die Folge der Sünde, wohl aber die Art und Weise, wie wir unseren Tod und die unausweichliche Endlichkeit unseres Lebens wahrnehmen.

Schumacher: «Der Tod trifft uns nicht mehr in einer unversehrten Gottesbeziehung, sondern als Sünder. Und das bedeutet, dass er von uns nicht mehr als ein vertrauensvolles Sich-Hineinfallen-Lassen in die liebevollen Hände des Vaters wahrgenommen werden kann, als Heimgang, sondern dass wir ihn vielmehr als einen sinnlosen Abbruch erleben, als endgültiges Ende und endgültiges Versagen unseres Machenwollens, und das heißt letztlich unseres Selbsterlösungsstrebens… Umgekehrt bedeutet es, dass durch die verwandelnde Kraft einer im Leben geschenkten Gottesbeziehung auch der Tod verwandelt werden könnte.»

Zu Rahners umstrittenen Gedanken über den «Tod als Tat» fragt Ursula Schumacher, «wie es wäre, wenn es gelingen könnte, sich mit dem letzten Atemzug und als letzter bewusster Akt von Willensausübung und Selbstverfügung in diesem Leben ganz Gott anzuvertrauen, sich Gott ganz zu überantworten – in dem Gefühl, gar nicht tiefer fallen zu können als in seine Hände?»

Keinesfalls darf die Hoffnung darauf den Blick auf den Ernst des Todes und die «Tiefe der von Gott trennenden Sündenverstrickung» verstellen. Der Tod bleibt unverfügbar, unvorhernehmbar, das grosse dunkle Geheimnis, hält Ursula Schumacher fest. «Aber wir dürfen vielleicht doch hoffen, dass er in besonderer Weise als ein Moment der Gottesnähe geschenkt wird, und vielleicht auch, dass er in Ansätzen die Form einer Selbstüberantwortung an Gott annehmen kann, einer Selbstübergabe in die liebenden und tragenden Hände des Vaters.»

Bezug nehmend auf Heidegger und Rahner, regt Schumacher ein «Sterben-Lernen» im Lauf des Christenlebens an: «als tiefsten, letzten Ausdruck eines Vertrauens in Gott, wie es sich in einer steten Gebetshaltung manifestiert». Vielleicht könne «auch eine Selbstübergabe an Gott im Tod gelingen: als letzte, höchste, endgültige und vollkommene Reifeform eines Lebens, das seinen Mittelpunkt ausserhalb seiner selbst gesucht hat».

Zurück zur Übersicht