Reformierte Spiritualität?!

Matthias Zeindler, Uni Bern, umkreist die Nüchternheit und Kargheit reformierter Spiritualität und weist darin ihren Reichtum auf. Er skizziert diese Spiritualität – angesichts der verbreiteten Wahrnehmung, reformiertes Christsein sei aufs Handeln gerichtet; von Frömmigkeit möge man kaum mehr reden; mit dem Begriff «Spiritualität» werde das Individuelle religiöser Praxis betont («ich bin nicht religiös, aber spirituell»).

Zeindler begründet drei Thesen: 1. Die Reformation war in ihrem Kern eine spirituelle Bewegung. 2. Die Reformierten verfügen über eine eigene spirituelle Tradition, auf die sie stolz sein können. 3. Reformierte Spiritualität ist von ihrem Ansatz her für andere Traditionen offen.

Ad 1) «Was die Reformation war, war sie aufgrund ihres theologischen Kerns.» Die menschliche Existenz vor Gott wurde neu gedacht (I.U. Dalferth). Bestimmend war die Frage nach der rechten Gottesverehrung. Daher zielte Zwingli auf einen gesammelten, andächtigen Gottesdienst – Konzentration aufs Gotteswort. Calvin wollte auch gesungene Gebete; so entstand der Genfer Psalter, «der wichtigste Beitrag der Reformierten zur Spiritualität der Weltchristenheit».

Ad 2) Die Reformierten haben … eine Ästhetik der Kargheit (A. Marti). Zeindler skizziert reformierte Spiritualität unter zwölf Aspekten: Sie ist Spiritualität der Andacht, der Konzentration, der Leere (damit Gott die Leere fülle), der Erwartung (dass Gott der Unverfügbare komme), des Wortes, der Gemeinschaft, des Individuums. Sie ist Spiritualität im Singen, des Denkens, des Handelns, zur Ehre Gottes und auf dem Weg zur Vollendung, die zukünftige Stadt suchend.

Ad 3) «Die Traditionen unserer reformierten Kirchen, auch die gottesdienstlichen Traditionen, mögen uns wichtige Einsichten für unseren Auftrag mitgeben. Aber am Ende stehen auch diese Traditionen im Dienst der gemeinsamen Zukunft der einen Kirche.» Reformierte glauben in der Überzeugung, dass jede Kirche die anderen Kirchen braucht. Daher suchen sie, so Zeindler, «unermüdlich in anderen Traditionen nach Schätzen, um Gott zu verehren».

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