Die Nachtseite des Glaubens und die Erfahrung von Gottes Liebe

In der westlichen Wohlstandsgesellschaft «herrscht der Wunsch, Leiden, Krankheit und Tod und alle Formen von Einschränkung der Leistungs- und Erlebnisfähigkeit zu verdrängen». Peter Zimmerling, Uni Leipzig, ist überzeugt, «dass die Erfahrung der Nachtseite des Glaubens von der heute herrschenden Tyrannei des gelingenden Lebens freimacht».

Schwierigkeiten, Misserfolge und Leiden böten die Chance zur Umkehr. Wer die Selbstverständlichkeiten des Lebens hinterfrage, werde frei, «aufzubrechen in das Land hinter dem Horizont». Es sei als Überlebensfrage zu sehen, ob die Menschen – gegen die Dynamik des Immer-mehr – fähig werden, «zu sich selber zu kommen, Erlebtes wirklich wahrzunehmen, zu verkosten, ein erfülltes Leben zu führen».

Wie gehen gläubige Menschen mit Krankheit um? 2. Korinther 12 ist nach Zimmerling zu verstehen als Paulus‘ Einsicht, «dass seine Krankheit Gottes Wille ist und eine positive Funktion in seinem Leben erfüllt: Sie soll ihn davor bewahren, aufgrund seiner besonderen Gotteserfahrungen zu hoch von sich zu denken, am Ende ein stolzer Heiliger zu werden. Die Krankheit wird zum Merkmal apostolischer, ja christlicher Existenz überhaupt!»

Für unsere Existenz heisst das: «Schwierigkeiten beinhalten die Chance zur Reifung, zur Vertiefung, sogar zur Erneuerung unseres Lebens und Glaubens… Jeder Christ kann in der Gewissheit leben, es immer und überall mit Gott zu tun zu haben – was auch immer ihm widerfährt.»

Nach dem spanischen Mystiker Johannes von Kreuz (1542-1591) spricht Peter Zimmerling von der «Erfahrung der dunklen Nacht». Zu ihr gehören Verzicht und Gewinn: Nicht nur eigene Wünsche und Begierden zurückzustellen, sondern auch «liebgewordene geistige Vorstellungen von Gott aufzugeben». Der Gewinn ist «eine unvergleichliche Freiheit: die Befreiung von existenzieller Gebundenheit und Abhängigkeit wie von einengenden und angstmachenden Gottesbildern».

Von daher ist es eher möglich, «unter Verschluss gehaltene Lebensräume zu betreten. Der durch Nachterfahrungen vertiefte Glaube ermöglicht es uns, dunkle Wirklichkeitsbereiche wahrzunehmen und im Licht der Gnade Gottes in Augenschein zu nehmen.»

Werden Christen bereit, die Nachtseite des Glaubens als Chance zu entdecken? Der Weg führt zur christlichen Mystik, welche nach Peter Zimmerling um den Begriff der Gottesfreundschaft (Johannes 15) kreist: «Er bringt zum Ausdruck, dass es darin um ein liebendes Gegenüber und Ineinander, jedoch um keine Identität zwischen Gott und Mensch geht.»

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