Lectio Divina

Hans Boersma, Professor am Seminar Nashotah House in Wisconsin, stellt die Lectio Divina vor, das Lesen und Meditieren der Schrift, das zum Gebet des Herzens anleitet und hinführt zur Kontemplation.

Die Lectio Divina ist eine geistliche und gemeinschaftliche Lesung – das Zweite leidet bei virtueller Vermittlung. Laut Hans Boersma wurde sie durch die Jahrhunderte hindurch praktiziert. «Wo auch immer es eine monastische Tradition gab, da gab es auch eine Art der geistlichen Lesung der Schrift.» Boersma erklärt sie anhand einer Schrift des Kartäuser-Priors Guigo II aus dem 12. Jahrhundert: «Die Leiter der Mönche zu Gott» (Scala Claustralium).

Das Bild der Leiter zum Himmel (1. Mose 28) wurde durch die Jahrhunderte verwendet, um über den geistlichen Aufstieg zu reden, «über geistliches Wachstum ins Leben Gottes hinein». Guigo sieht in der Übung der Lectio Divina vier Stufen: Lesung, Meditation, Gebet und Kontemplation.

1. Lectio (Lesung) bedeutet das sorgfältige Studium der Schrift. Guigo mahnt: «Vertiefe dich in die Schriften, kenne die Schriften und studiere sie.» Das heisst für den Kartäuser, sie laut zu lesen und wieder und wieder zu lesen, um den äusserlichen Sinn der Worte zu erfassen.

2. Meditatio (Meditation) schliesst das Auswendiglernen ein – laut Boersma enorm wichtig für Guigo, sowie für alle mittelalterlichen Mönche. Sie lernten auswendig durch lautes Lesen und beteten alle sieben Tage alle Psalmen durch. «Durch das laute Lesen biblischer Texte, immer und immer wieder, kommen diese Texte in unser Herz und wir machen sie uns zu eigen.» Digitale Hilfsmittel erleichtern heute das Leben. «Aber etwas auf dem Laptop oder Handy zu haben, ist nicht dasselbe, wie es verinnerlicht zu haben.» In der meditatio wird der tiefere, allegorische Sinn des Textes gesucht. Boersma nach Guigo: «Hier kommt die Reinheit des Herzens in den Blick.»

Sind diese beiden Schritte allen möglich, charakterisiert Guigo die folgenden zwei als übernatürlich: oratio und contemplatio, Gebet und Kontemplation.

3. Gebet ist «die hingebungsvolle Zuwendung zu Gott, mit dem Ziel, alles Böse zu vertreiben und das Gute zu erlangen». Es geschieht oft unter Tränen, in Reue über das eigene Versagen.

4. In der contemplatio wird laut Guigo der Geist «über sich selbst hinaus erhoben zu Gott. Er kostet die ewige Güte oder Lieblichkeit.» Dies geschieht, betont Boersma, nicht durch intellektuelles Verstehen. «Es sind weder die Sinne noch unser diskursives Denken, die uns Gott selbst vermitteln können. Was uns Gott selbst vermittelt, oder uns die Erfahrung Gottes schenkt, ist wenn der Geist über sich selbst hinaus emporgehoben wird.» Eine Art der Schau Gottes wird geschenkt, kurzzeitig, flüchtig – «doch genau diese vorübergehende Vorahnung der Gottesschau ist für Guigo der Sinn aller Bibellesung. Warum? Weil in dieser Erfahrung der Kontemplation etwas von der himmlischen Gottesschau erfahren.»

In der Einleitung zu einer praktischen Übung der Lectio Divina (von Psalm 126) bemerkt Hans Boersma, dass für viele Christen aller Zeiten die Ablenkung der grosse Feind unserer geistlichen Konzentration ist. Und betont, «dass jeder der vier Schritte der Leiter in gewisser Hinsicht schon der Anfang der Kontemplation ist».

Dass Guigo die vier Sprossen der Leiter vier Typen von Menschen zuordnete, kritisiert er. Denn: «Wir lassen die ersten, vorausgehenden Ebenen oder Stufen nie hinter uns zurück. Wir kommen immer wieder zurück, wenn wir Lectio Divina machen, zu jeder der Stufen. So lernen wir Gott besser kennen, und lernen, ihn zu erfahren.»

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