Das Jesusgebet – nicht nur für Orthodoxe

Peter Bouteneff, St Vladimir‘s Orthodox Seminary, Yonkers, NY, USA, spricht über das sogenannte Jesusgebet. In seiner vollständigen Formulierung lautet es: «Herr Jesus Christus, Sohn Gottes, hab Erbarmen mit mir Sünder.» Das kurze Gebet wird traditionell vor allem von orthodoxen Gläubigen gesprochen und oft wiederholt, um das Leben im Licht von Gottes Barmherzigkeit zu sehen. Dies geschieht besonders im monastischen Kontext; oft gehört das Gebet zur klösterlichen Gebetsregel.

Laut Bouteneff können einige Wirkungen des Jesusgebets mit denen einer Yoga-Übung oder eines Mantras in Verbindung gebracht werden. Aber das Gebet ist «ausdrücklich kein Mantra. Es ist der Ruf an den Herrn Jesus Christus selbst, im Fleisch inkarniert, gekreuzigt und auferstanden für uns und zu unserem Heil. Und es ist ein Bekenntnis des Glaubens an ihn als Sohn Gottes, und es ist eine Bitte um seine Barmherzigkeit», um sein rettendes Eingreifen. Darum geht es, auch wenn die beruhigende Wirkung des Jesusgebetes auf den Körper erlebt wird.

Das Jesusgebet hat Anhalt in den Bitten Blinder an Jesus, den Sohn Davids, welche die Evangelien überliefern. Paulus schrieb den Thessalonicher Christen, sie sollten ohne Unterlass beten. Die ersten Mönche in der Wüste Ägyptens übten dies, indem sie ein Psalmwort bei der Handarbeit ohne Aufhören wiederholten. Im 6. Jahrhundert ist das Gebet, auf Jesus gerichtet, in seiner vollen Form bezeugt. Seither wird es in der Ostkirche ganz oder verkürzt gebetet.

Ein Ziel ist, der Gedankenverlorenheit durch innere Sammlung zu entkommen. «Was wir suchen, ist die Stille, die im Grund unseres Seins selbst wohnt. Ein kurzes Gebet, das wiederholt wird, bietet uns einen Ort der Stille.» Und dies ist hilfreich, so Bouteneff, «weil unser Geist etwas zum Kauen braucht». Auf dem Jesusgebet kauen – statt nachzudenken über ein seltsames Gespräch von gestern oder über eine anstehende Besorgung. Es geht darum, «einen Raum zu schaffen, in dem der Verstand und das Herz verweilen können».

Das Gebet kann in jedem Atemzug gesagt werden: «Herr Jesus Christus, Sohn Gottes» beim Einatmen, die anderen Worte beim Ausatmen. Manchmal wird es auch mit einer Bewegung verbunden. Bouteneff: «Es sind Körper, Seele, Verstand, Kraft, Geist, Herz, Sehnen – alle arbeiten in Harmonie zusammen, um den Namen Jesus anzurufen, diesen Namen als heilig und als den Namen des Sohnes des lebendigen Gottes zu bekennen, um dessen Gnade wir bitten, die wir unvermeidlich Sünder sind, die der Barmherzigkeit Gottes bedürfen.»

Der Referent hebt hervor, dass beim Jesusgebet keine visuellen Bilder verwendet werden. «Es ist kein Gebet, an dem man sich emotional verausgabt... Es ist genau wie jedes gute Gebet eine Hingabe an Gottes Willen.» Die Übung des unaufhörlichen Gebets erklärt sich aus dem Verlangen der Mönche, das Bouteneff mit Worten des Heiligen Theophan des Klausners wiedergibt: «Das Wichtigste ist, mit dem Verstand und dem Herzen vor Gott zu stehen und unaufhörlich vor ihm zu stehen, Tag und Nacht, bis ans Lebensende.»

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