Jenseitigkeit wiedergewinnen

Maria sass Jesus zu Füssen, als er sie besuchte; Martha kümmerte sich um das Essen. Für die heutige Gesellschaft ist Martha die Leitfigur. Hans Boersma, Nashota House (Wisconsin), bemerkt, sie werde heute bewundert, «während die auf das Jenseits sinnende Maria und ihresgleichen wie Menschen aus einer längst vergangenen Zeit behandelt werden». Marthas Vorrang ist eine moderne Umkehrung der biblischen Prioritäten. «Oder vielmehr ist die Moderne als ein Nebenprodukt aus unserer Vernachlässigung der Kontemplation entstanden.»

Gewiss hat die Kontemplation der Aktion Platz zu machen angesichts menschlichen Elends, dem in Barmherzigkeit zu begegnen und nach Möglichkeit abzuhelfen ist; Hans Boersma verweist auf christliche Autoren der Antike und des Mittelalters. Doch für sie gilt: «Das einzig notwendige Ding (unum necessarium) ist nicht das aktive Leben, sondern die Kontemplation Gottes in seinem Tempel. Und genau diese Betonung des Jenseits—komplett unvereinbar mit dem Fokus der Moderne auf das Hier und Jetzt – die wir weitgehend verloren haben, müssen wir nun wiederfinden.» Eine Rückbesinnung tut Not – da wir «unsere endgültige Bestimmung lediglich in Gott finden werden, jedoch nicht im Hier und Jetzt».  

Laut Hans Boersma haben nicht zuletzt reformierte Theologen die Jenseitigkeit abgewertet. Er nennt Herman Bavinck, welcher den Fokus auf die visio beatifica als negative Folge des neuplatonischen Einflusses auf die Kirche erachtete. Der Kritik Bavincks, die visio hebe die Unterscheidung zwischen Schöpfer und Geschöpf auf, hält er die Unterscheidung des Thomas von Aquin zwischen dem Erreichen und dem Erfassen des göttlichen Wesens entgegen. «Im Jenseits, so glaube ich, werden wir Gott in und durch Jesus Christus sehen.»

Wenn zeitgenössische Theologen für eine weltzugewandte Glaubenspraxis einsetzen und dabei etwa die «Idee des ewigen Singens von Psalmen oder Spielens von Harfen über den Wolken» als unerträglich ablehnen sowie das Andauern von Aktivitäten im Jenseits betonen, können sie dies laut Boersma nicht mit Berufung auf Calvin tun. Er hebt betont, dass der Reformator «die visio beatifica als das oberste eschatologische Telos ansah.» Genau wie die westliche Tradition seit dem Hochmittelalter habe Calvin geglaubt, «dass wir eines Tages die göttliche Majestät oder das göttliche Wesen sehen werden».

Puritanische Theologen in England ersetzten, in Umformung der Lehre des Aquinaten, eine Vision des göttlichen Wesens durch eine Vision Christi. «Die Bestätigung, dass wir Gott in und durch Jesus Christus sehen werden, war daher zugleich eine Anerkennung dessen, dass wir als endliche Geschöpfe am unendlichen Gott teilhaben werden.»

Seit dem 18. Jahrhundert werden laut Boersma in der historischen bibelwissenschaftlichen Forschung «diesseitige, natürliche Realitäten unvermeidbar ins Zentrum unserer Aufmerksamkeit gerückt … Aber wir gehen das aktive Leben nur dann richtig an, wenn wir erkennen, dass es sich aus der himmlischen Kontemplation ergibt und die himmlische Kontemplation anstrebt.» Die politische Theologie fokussiere so stark auf Aktion, dass sie die Kontemplation ausschliesse. Hans Boersma ist überzeugt: «Theologisch gesehen benötigen wir die Rückbesinnung auf die Jenseitigkeit dringendst.»

So plädiert der aus den Niederlanden gebürtige Theologe für eine Rückbesinnung auf eine spirituelle Art der Schriftlektüre und -auslegung. «Indem wir eine rein natürliche Auslegung des Textes postulieren, trennen wir den biblischen Text als menschliches Dokument vom übernatürlichen Ziel, Gott zu lieben.»

Boersma empfiehlt die lectio divina, eine Lesung der Schrift, wie sie insbesondere von Mönchen im Mittelalter praktiziert wurde. Anzustreben ist «eine Art des Lesens, welche die gesamte exegetische Praxis in den Dienst der Liebe Gottes in Christus stellt… Genau wie natürliches Verlangen ein grösseres, übernatürliches Ziel anstrebt, so streben unsere aktiven Leben etwas Höheres und Grösseres als uns selbst an – nämlich die ewige Kontemplation Gottes in Jesus Christus.»

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