Was lehrt uns Hiob?

Ralph Kunz, Uni Zürich fragt mit Blick auf Hiob: Widerstand, Anklage und Rebellion – sind sie die Haltung eines Beters? Es ist die Frage, «wie weit wir gehen dürfen, was in unserem Ausdruck noch als Beten gelten kann und was das für unser Gottesverhältnis bedeuten könnte». Kunz formuliert die These: «Solange wir mit Gott reden, auch wenn wir ihn nicht hören und solange wir IHN schauen, auch wenn wie ihn vermissen, beten wir.»

Hiobs Klage ist als Gebet zu verstehen: «Weil in der Klage ein Appell ist an den, der sich Ich-bin-da nennt. Weil der vermisste Gott ersehnt wird und weil die Sehnsucht nach ihm schon ein Gebet ist.» Von daher liest Ralph Kunz das Buch auch als eine «Auseinandersetzung mit religiösen Moralisten. Es will denen auf die Sprünge helfen, die sich (und anderen) das Klagen verbieten!»

Hiob leidet – tiefer noch als an seinem Elend – daran, «dass er Gott nicht hört und nicht sieht – den Gott, auf den er vertraut hat, der ihn so reich gesegnet hat». Die Freunde, die gekommen sind, um ihn zu trösten, bestreiten seine Klage. Doch Gott gibt am Ende Hiob Recht, nicht den Freunden! «Weil sie eine Gottesvorstellung – ein Konzept – einen Mechanismus – verteidigt haben. Aber nicht den Ur-Lebendigen, Alles-Gebenden» – El Schaddai.

Das Buch Hiob macht klar: «Gott ist komplizierter, als es den Anschein macht.» Für Kunz erweist das Buch Hiob den Vorwurf der Religionskritiker, Religion sei betäubendes Opium sei, als absurd. «Das Gegenteil ist der Fall: Die Religion hält den Schmerz wach.» Jene, die nicht an Gott glauben, haben für ihre Klage keinen Adressaten. «Die Klage ist nicht aus der Welt. Aber sie geht ins Leere… Die gebetsfreie Klage erwartet nichts. Sie verstummt.» Das Klagegebet dagegen «hält den Schmerz und die Hoffnung am Leben».

Christen glauben, dass Jesus Christus für sie gelitten hat – doch auch sie erfahren Anfechtung. Aber hier ist Entscheidendes anders: «Das Drama, das der Klage zugrunde liegt, die Gottverlassenheit, wird im Evangelium sozusagen in den Innenraum Gottes hineingeschoben.»

Den christlichen Moralisten, die dem Klagenden einen Mangel an Glauben und Gottergebenheit vorwerfen, hält Kunz entgegen: «Wir dürfen nicht nur klagen – wir müssen es! Christus erlaubt es uns. Christus lenkt unsere Klage um! Er übernimmt sie, erträgt sie, duldet sie und verwandelt sie.» Beten dürfen wir mit Hilfe der Nächsten: «Neben uns und mit uns ist der Christus, der Schwester, des Bruders in der Gemeinde.»

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