Der trinitarische Gott als Raum des Gebets

Joachim Negel, Uni Fribourg, geht aus von der Frage: Inwieweit kann man sich betenderweise in Gott beherbergen, bei ihm Zuflucht finden? Ist die Beziehung von Gott Vater und Sohn «so etwas wie ein geisterfüllter Raum der Freiheit, in den wir uns stellen können?»

Negel versucht eine systematische Grundlegung des Gebets, indem er Gebetserfahrungen von Abraham, Mose und Jona mit dem von Christen bekannten dreieinen Gott zusammendenkt, im Hinblick auf die «Spannung zwischen der Vergeblichkeitserfahrung des Gebets und dem Wunder der Erhörung».

Auf Abrahams Gebet für die Verschonung Sodoms geht Gott ein; es scheitert gleichwohl. Verstörend bleibt die Morija-Geschichte (1. Mose 22). «Wo die Unbegreiflichkeit Gottes ihre Lösung darin findet, dass man sich dem göttlichen Willen widerspruchslos fügt, ist der hochgemute Glaube dem Fatalismus zum Verwechseln ähnlich geworden.»

Bei Mose sieht Joachim Negel eine fortwährende Dialektik von Ergreifen und Ergriffenheit. «Je näher wir Gott kommen, umso mehr merken wir, wie sehr er im Verhältnis zu uns ein anderer ist. Nähe und Distanz steigern sich aneinander.» Wie mit einem Freund redet Gott mit Mose und erhört ihn – doch der Eingang ins verheissene Land wird ihm verwehrt. Bei Jona, im Bauch des Fisches (wie auch in Psalmen), sind «Klage und Hilfeschrei immer schon vom Dank für die noch nicht erfolgte Rettung durchdrungen».

Im Gebet scheinen – im Zusammenzug der alttestamentlichen Stellen – drei Dimensionen auf: Monolog, Proslog und Dialog. Der Beter scheint mit seiner eigenen Seele zu reden; Gott wird gleichsam «Partner unserer intimsten Selbstgespräche» (V. Frankl). Dazu kommt ein «ansprechendes Angesprochensein»; Joachim Negel spricht vom «lauschendes Hören auf etwas mir Zugesprochenes».

Das Gebet weitet sich dann «zum Dialog in, mit und vor einem Anderen, Grösseren, den als göttliches Du zu erfahren der Fortgang des Gebets dem Beter erlaubt». Die Erhörung des Gebets ist «die Erfahrung, sich etwas gesagt sein zu lassen».

Joachim Negel legt auf diesem Grund Gedanken vor, wie Beten jesuanisch, christologisch und trinitarisch verstanden werden kann. Im Vater unser werden wir gelehrt, schlicht vor Gott zu treten. «Wer sich in diesen durch das Vater Unser eröffneten Raum der benedictio zwischen Verheissung und Verzeihen hineinbegibt, dessen Leben wird nicht scheitern – so die Verheissung jesuanischer Gebetspraxis.»

Wir sollen so von Jesus angeleitet beten – und können es eigentlich erst durch ihn, weil er ins Innere des Heiligtums eingegangen ist. Dieses steht «für das innerste Herz Gottes, für jene dreifaltig eine Liebesglut, an der teilzuhaben das letzte, eigentliche Ziel christlichen Betens ist». Dies ist die «tiefste, nämlich trinitarische Dimension christlichen Betens: Der, um den wir bitten, ist zugleich der, durch welchen und in welchem wir beten.»

Joachim Negel schliesst mit Bemerkungen zum Wunder der Erhörung angesichts vieler Gebetsenttäuschungen. Er äussert, dass sich im Gebet «konkreative Kräfte Gottes und des Menschen» gleichsam aneinander erheben, sich wechselseitig zur Verfügung stellen.

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