• Begegnung und Unterstützung

Spiis&Gwand

An der Tagung in Basel stellt sich neben acht anderen Kirchen-Experimenten Spiis&Gwand vor. Spiis&Gwand zieht in Oftringen Kreise. Die Leiterin Sonja Neuenschwander berichtet.
 

«Es sind Begegnungen mit Menschen, die das Leben lebenswert machen.»

Als wir vor bald 13 Jahren in einer Garage starteten, dachten wir vor allem an zwei Aspekte: Mit Kleidern und mit Lebensmitteln möchten wir den Menschen in finanziellen Notlagen das Budget entlasten. Was ist unterdessen aus dem Spiis&Gwand geworden?

Kleider und Lebensmittel abzugeben ist immer noch ein wichtiger Aspekt unserer Arbeit. Obwohl – in unserer Schweiz muss niemand in Lumpen herumlaufen. Doch wer trägt nicht gerne ab und zu etwas Neues? Und Kleider haben in kleinen Budgets oftmals eine niedere Priorität.

Wir Menschen bewerten einander und uns selbst zuerst am Äusseren. Und da können wir mit unserem Angebot von Secondhand-Kleidern Freude und Erfolg, in Form von «neuen»  und zum Teil teuren Sachen weitergeben.

«... dann habe ich immer Geburtstag!»
Ein Gast äusserte sich einmal so: «Wenn ich ins Spiis&Gwand komme, habe ich immer Geburtstag!»  Der Selbstwert wird gestärkt und gleichzeitig die Ausgaben entlastet. Wir vom Team fragen uns zwar ab und zu, weshalb diese grosse Menge an Kleidern (wir geben jede Woche bis 3 Stück/Person ab) von einer einzigen Familie benötigt werden. Doch unterdessen haben wir erfahren, dass die Gäste auch untereinander tauschen und weitergeben. Das schafft Beziehungen!

Bei den Lebensmitteln, die wir von der Schweizer Tafel, der Migros, örtlichen Bäckereien und Tankstellen erhalten, sprechen verschiedene Gründe fürs Weitergeben. Einerseits ist es ein kleines Zeichen gegen den foodwaste, der in unseren industriellen Ländern riesig ist. Die Tatsache, dass in unserer Schweiz jährlich ein Güterzug mit der Länge von Chiasso nach Basel voll Lebensmittel weggeworfen wird, schockiert uns. So können wir doch einen Mikro-Teil davon sinnvoll weitergeben. Andererseits sind die Lebensmitttel eine Entlastung für Familien. Nach unseren langen Sommerferien hören wir von Gästen, dass sie uns vermisst haben. Nicht nur wegen den Beziehungen, sondern auch weil sie es finanziell gemerkt haben.

Gratiskaffee und ein offenes Ohr
In den letzten fünf Jahren, die wir am jetzigen Standort sein können, hat sich ein weiterer Teil  unserer Arbeit als sehr wichtig herausgestellt: die Wertschätzung und persönlichen Beziehungen zu unseren Gästen und Spendern zu vertiefen. Unsere farbig gestrichene Kaffee-Ecke mit Gratiskaffee und Kuchen lädt ein zum Verweilen, zu Treffen und zum Führen von Gesprächen. Es werden untereinander Freundschaften geschmiedet und Unterstützung geleistet. Diesen Teil erfahren wir nur bruchstückweise. Doch dass neue Paare entstanden sind, oder ein Gotti/Götti gefunden wird, das merken wir. Ein Gast erwähnte einmal uns gegenüber: «Das ist meine Familie hier! Dank dem Spiis&Gwand habe ich wieder Geschwister gefunden…»

Was wir mit den Gästen erleben und weitergeben können, das ist uns eher bewusst. Das Zuhören ist davon ein sehr wichtiger Teil. Wo in unserer Gesellschaft hat man noch Zeit zum Zuhören? Das Spiis&Gwand soll ein Ort sein, wo offene Ohren da sind für Sorgen und Probleme der verschiedensten Art.

Doch wir möchten nicht nur ein zuhörendes Beipflichten leisten, sondern auch Ressourcen unserer Gäste stärken, Ermutigung  und Hoffnung weitergeben. Einige Mitarbeiter sind in Gesprächsführung geschult. Ihre Hauptaufgabe während den Öffnungszeiten ist es, auf die Gäste zuzugehen und auf die jeweiligen Bedürfnisse einzugehen, wo das sprachliche Verständnis da ist.

An den Tischen werden Gäste mit Einfühlungsvermögen beraten.

Auch da für Menschen aus Nahost
Wir haben für Gäste aus Nahost einen Mitarbeiter im Team, der kulturell und sprachlich auf sie zugehen kann und somit einen wichtigen Beitrag zur Integration leistet. Schon viele Formulare und Briefe wurden übersetzt, erklärt und Unterstützung in Alltagsfragen geleistet. Einige ehemalige Asylbewerber kennen wir schon Jahre und können mitverfolgen, wie sie sich in der Schweiz integrieren, die deutsche Sprache lernen. Wie beobachten, wie ihre Kinder in unseren Schulen aufwachsen und dabei mehr und mehr schweizerische Kultur übernehmen. Das ist auch für uns sehr spannend.

Doch es gibt leider auch einige Personen, die es einfach nicht schaffen, anzukommen und ein neues Leben zu beginnen. Sie sind zum Teil so stark traumatisiert vom Erlebten, dass körperliche und psychische Krankheiten dominieren. Diese Situationen müssen und wollen wir aushalten.

Bei Schweizer Gästen ist es für uns sprachlich einfacher. Hier besteht die Herausforderung eher darin, dass wir ohnmächtig sind bei Fragen der Jobsuche, bei IV-Abklärungen, Problemen mit Ämtern und Behörden usw. Wir können und wollen uns nicht einmischen, sondern einfach Mut machen, weiterzugehen oder andere Wege einzuschlagen, und Hilfe zur Selbsthilfe leisten.

Regional vernetzt
Das Vertrauen zu unserer Tätigkeit ist über all die Jahre stark gewachsen. Wir sind regional in der sozialen Arbeit verankert und vernetzt. Es ist nicht nur eine Arbeit der örtlichen Kirchgemeinde, sondern der ganzen Region. In unserem 25-köpfigen Team wirken Personen aus diversen Landes- und Freikirchen mit.

Der persönliche Glauben der Teammitglieder ist uns wichtig, aber nicht massgebend. Das Gebet im Team vor der Türöffnung ist freiwillig. Doch es nehmen fast alle daran teil, auch eine überzeugte Atheistin! Wir wollen nicht überzeugen, sondern vorleben. Das gilt auch bei unseren Gästen. Auf Fragen über unseren persönlichen Glauben geben wir eine persönliche Antwort und hoffen, dass wir ein Puzzlestein sein dürfen zu einem «gluschtigen» Leben mit Jesus.

Website Spiis&Gwand