Berner Ringvorlesung zu Karl Barth

«Theologie am Nullpunkt. Karl Barth und die Krise der Kirche» heisst die Ringvorlesung an der Uni Bern im Frühjahrsemester. Den Einstieg bot am 18. Februar Joachim von Soosten aus Wuppertal.

Der Privatdozent der Kirchlichen Hochschule Bethel skizzierte das Umfeld von Karl Barths Römerbrief, indem er theologischen Fragen in den Äusserungen von Intellektuellen in Deutschland nach der Katastrophe des 1. Weltkriegs nachspürte. Ihre Versuche, die Krise in Worte zu fassen, datieren von 1919-26; danach, im Zeichen der Neuen Sachlichkeit, hätten sich die Denk-Wege verzweigt, sagte von Soosten in einem höchst bezugsreichen Vortrag.

Grundlegend für alle Äusserungen jener Jahre war ein massives Krisenbewusstsein: Was gewesen war, war zerbrochen, unwiderruflich dahin. Der Fortschritts-Glaube des 19. Jahrhunderts hatte in die Katastrophe geführt. Der Gegensatz von Zeit und Ewigkeit brach wieder auf. Laut von Soosten trägt Barths Römerbrief viele Züge eines «expressionistischen Manifests». Er stellte Heilsgeschichte als die fortlaufende Krisis aller Geschichte hin.

Als Denker jener Krisenzeit erwähnte der Referent zum einen Georg Lukacs, der ein Zeitalter transzendentaler Obdachlosigkeit empfand, Gustav Landauer und Ernst Bloch. Sie träumten von einer Erlösung durch die Katastrophe hindurch, auch durch Gewalt mit reinigender Wirkung. In ihrem Umfeld bewegte sich Walter Benjamin.

Zweitens nannte von Soosten Paul Tillich, für den alle Geschichte im Zeichen des Kairos stand. Die Krise wollte er als Kairos bejaht haben, als Gelegenheit zur Konfrontation mit dem Unbedingten. Drittens suchten Rudolf Bultmann und Martin Heidegger Wege in der Krise mit einer Existentialphilosophie, der es auf Eigentlichkeit, Entschiedenheit und Entschlossenheit ankam.

Nach Streiflichtern auf diese Krisenbewältigungsversuche – die ihrerseits das Trauma noch zum Ausdruck brachten – formulierte von Soosten Fragen für heute: Wer ist eigentlich souverän? Leben wir – oder werden wir gelebt? Wie ist das Verhältnis von Vergänglichkeit zu Ewigkeit zu denken? Und auch die Frage nach den Opfern der «reinigenden» Gewalt. Er schloss mit Kafkas «Hungerkünstler» und der Frage, ob wir denn diese Parabel heute verstanden haben.

Die Ringvorlesung an Montagen bis 27. Mai, 18.15-20.00 Uhr, Unitobler F 022, Lerchenweg 36, Bern

Flyer der Ringvorlesung mit den Themen